Als jemand, der häufig mit Unternehmen und Verwaltungen über Cybersicherheit und Datenschutz spricht, erlebe ich immer wieder den gleichen Moment: Der tiefe Seufzer, wenn sie an die schiere Masse der Umstellungsarbeit denken, die ja eigentlich nötig wäre, um digitale Souveränität zu erlangen, sich von Big Tech loszusagen, aus der Abhängigkeit zu entkommen.
Ja, und das ist ein Berg. Keine Frage.
Die unbequeme Wahrheit: Wir sind digital abhängig
Die aktuellen Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 96 Prozent der deutschen Unternehmen importieren digitale Technologien , während nur ein Viertel selbst als Anbieter auftritt. Diese digitale Abhängigkeit ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem – sie wird in Zeiten geopolitischer Spannungen zu einem echten Sicherheitsrisiko.
Der US CLOUD Act macht es möglich, dass amerikanische Behörden jederzeit auf Daten zugreifen können, die bei US-Unternehmen gespeichert sind – egal wo auf der Welt diese Server stehen. Wenn dann noch 79 Prozent der Unternehmen zugeben, sich in kritischer Abhängigkeit von wenigen, meist außereuropäischen Anbietern zu befinden , wird das Ausmaß des Problems deutlich.
Open Source als Weg zur digitalen Souveränität
Digitale Souveränität bedeutet, die Kontrolle über eigene Daten und digitale Prozesse zu behalten. Open Source Software ist dabei nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern der effektivste Weg dorthin. Warum? Weil nur bei quelloffener Software wirklich nachvollziehbar ist, was mit unseren Daten passiert.
Die Vorteile liegen auf der Hand:
- Transparenz: Der Code ist einsehbar und prüfbar
- Unabhängigkeit: Kein Vendor Lock-in, kein Erpressungspotenzial
- Anpassbarkeit: Software lässt sich an eigene Bedürfnisse anpassen
- Langfristige Verfügbarkeit: Open Source kann nicht einfach „abgeschaltet“ werden
- UND – denn das ist häufig das wichtigste Thema: Es ist längerfristig billiger, da keine teuren Abos und ständig neue, leistungsfähigere Hardware für die proprietäre Bloatware gekauft werden müssen
Die Herausforderungen sind real – aber überwindbar
Ich verstehe jeden, der bei dem Gedanken an eine umfassende Migration erst einmal schluckt. Die Herausforderungen sind vielfältig und auf verschiedenen Ebenen angesiedelt:
Technische Ebene: Eine Open Source Migration betrifft meist nicht nur einzelne Anwendungen, sondern komplette Technologie-Stacks. Abhängigkeiten zu proprietären Formaten müssen aufgelöst, Berechtigungssysteme neu konzipiert und Schnittstellen angepasst werden.
Organisatorische Ebene: 70 Prozent der Unternehmen sehen den Fachkräftemangel als größte Hürde. Mitarbeitende müssen geschult, neue Supportstrukturen aufgebaut und Change-Management-Prozesse etabliert werden.
Finanzielle Ebene: Auch wenn Open Source langfristig Kosten spart, entstehen zunächst Investitionskosten für Migration, Schulungen und den Aufbau interner Kompetenzen.
Rechtliche und Compliance-Ebene: Gerade in regulierten Bereichen müssen alle Compliance-Anforderungen auch mit den neuen Systemen erfüllt werden.
Die Salami-Taktik: Scheibe für Scheibe zum Ziel
Hier kommt die Salami-Taktik ins Spiel – ein echter Klassiker, den ich aber trotzdem in meiner Beratungspraxis immer wieder erfolgreich einsetze. Falls das Thema nicht bekannt ist – so geht: Statt zu versuchen, alles auf einmal umzustellen, teilen wir das große Ziel in verdauliche Häppchen auf.
Geht auch garantiert vegan – versprochen!
Phase 1: Bestandsaufnahme und Priorisierung
Zunächst dokumentieren wir alle Cloud-Dienste und klassifizieren Daten nach Schutzbedarf. Welche Systeme sind geschäftskritisch? Wo liegen die größten Abhängigkeiten? Mit welchen Bereichen können wir risikoarm starten?
Phase 2: Pilotprojekte mit unkritischen Systemen
Wir beginnen bewusst mit weniger kritischen Anwendungen – dem Intranet, der internen Dokumentenverwaltung oder Test- und Entwicklungsumgebungen. So sammelt das Team wertvolle Erfahrungen, ohne das Kerngeschäft zu gefährden.
Phase 3: Schrittweise Erweiterung
Nach erfolgreichen Pilotprojekten weiten wir die Migration systematisch aus. Jeder Schritt baut auf den Erfahrungen des vorherigen auf.
Phase 4: Migration geschäftskritischer Systeme
Erst wenn das Team sicher im Umgang mit Open Source Lösungen ist, gehen wir an die wirklich kritischen Anwendungen.
Erfolgsfaktoren aus der Praxis
Aus meiner Erfahrung sind folgende Faktoren entscheidend für eine erfolgreiche Migration:
Realistische Zeitplanung: Eine vollständige Migration dauert oft Jahre, nicht Monate. 59 Prozent der öffentlichen Verwaltungen verfolgen Open Source als Teil einer mittel- oder langfristigen Gesamtstrategie.
Frühzeitige Einbindung der Mitarbeitenden: Change Management ist mindestens genauso wichtig wie die technische Umsetzung. Widerstände müssen ernst genommen und durch Schulungen und klare Kommunikation abgebaut werden. Wo liegen die Ängste? Hier muss ein offenes Ohr regieren und die Befürchtungen müssen aufgenommen, ernst genommen und es muss darauf eingegangen werden.
Berührungspunkte schaffen: Akzeptanz wird darüber geschaffen, wenn Menschen neue Dinge anfassen können. Also machen Sie Demo-Days: Lassen Sie die Leute an einem Computer mit Linux herumspielen, ausprobieren und merken, dass zum Beispiel ein Linux Mint kaum anders als ein Windows funktioniert.
Das lässt sich auch spielerisch umsetzen: Verteilen Sie Challenges in Form fertig gestalteter Dokumente, die in LibreOffice nachgebaut werden müssen. Zum Beispiel ein Formular, ein Memo oder die Speisekarte für die kommende Woche. Auf die Plätze, fertig, los!
Aufbau interner Kompetenzen: Externe Berater:innen können den Weg ebnen, aber langfristig muss internes Know-how aufgebaut werden.
Hybride Ansätze nutzen: Nicht alles muss sofort ersetzt werden. Meistens ist ein Parallel-Betrieb oder eine schrittweise Integration der sinnvollere Weg. Von heute auf morgen den Stecker zu ziehen ist ein Garant für Probleme.
Der politische Rückenwind verstärkt sich
Die gute Nachricht: Der politische Wille zur Förderung digitaler Souveränität wächst. Das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) entwickelt bereits Open Source Lösungen wie openDesk für die öffentliche Verwaltung. Schleswig-Holstein will bis Herbst 2025 seine gesamte Bürosoftware auf Open Source umstellen.
Auch auf EU-Ebene tut sich etwas: Der Data Act soll ab September 2025 den Wechsel zwischen Cloud-Anbietern erleichtern , und neue Regulierungen wie der Cyber Resilience Act schaffen Rahmenbedingungen für mehr digitale Souveränität.
Fazit: Es führt kein Weg daran vorbei
Digitale Souveränität ist kein Nice-to-have mehr, sondern eine strategische Notwendigkeit. Die geopolitischen Entwicklungen der letzten Jahre haben gezeigt, wie schnell sich die Spielregeln ändern können. Unternehmen und Verwaltungen, die ihre digitale Unabhängigkeit nicht selbst in die Hand nehmen, laufen Gefahr, zu digitalen Kolonien zu werden.
Die Herausforderungen sind real und vielschichtig – aber sie sind überwindbar. Mit der richtigen Strategie, realistischer Zeitplanung und dem Mut, Schritt für Schritt vorzugehen, kann die Migration zur digitalen Souveränität gelingen.
Die Salami-Taktik macht aus dem scheinbar unüberwindbaren Berg eine Reihe von machbaren Etappen.
Und am Ende jeder Etappe wartet ein Stück mehr Unabhängigkeit, Transparenz und Kontrolle über die eigene digitale Zukunft.
Der Wandel kommt so oder so – die Frage ist nur, ob wir ihn aktiv gestalten oder passiv erleiden. Ich weiß, welche Variante ich meiner Kundschaft empfehle.