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Die Vereinbarkeit von Digitalisierung und Nachhaltigkeit auf Ebene der Arbeitswelt.

Neue Jobs mit Sinn und Nachhaltigkeitsorientierung für eine digitalisierte Gesellschaft.

Verschriftlichung meines Impulsvortrags beim Kongress des Deutschen Nachhaltigkeitspreises #DNP11 am 06.12.2018

#DNP11 – Foto von Ralf Rühmann

Digitalisierung und Nachhaltigkeit – das ist mein zentrales Forschungsthema. Und häufig bekomme ich die Frage gestellt, was das eine mit dem anderen überhaupt zu tun hat. Wie eng die Verknüpfung bzw. der Einfluss der beiden Trends aufeinander ist, ist leicht darzustellen, obwohl beide sehr komplexe Felder sind.

So lässt sich bspw. beobachten, dass trotz allen Potenzials der Dematerialisierung durch Digitalisierung der Rohstoffverbrauch stetig steigt und der Rohstoffabbau in manchen Weltregionen Rebellentruppen finanziert, die sich einen Jahrzehnte dauernden, blutigen Bürgerkrieg liefern. Oder dass der Energieverbrauch durch Herstellung und Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie ebenfalls stetig steigt und Datenzentren inzwischen einen CO2-Footprint wie der Luftverkehr besitzen. Auch diese Emissionen werden stark steigen, da u.a. im Rahmen des Internet of Things täglich neue, mehr oder weniger smarte Geräte ans Netz gehen. Nebenbei bemerkt ist das Streaming von Audio-Visuellen Medien der Haupttreiber beim Energieverbrauch der Datenzentren, da sich der weltweite Datendurchsatz heute zu knapp 80% aus Streaming zusammensetzt. Dies sind nur ein paar Beispiele für den Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit.


Photo by veeterzy on Unsplash

Nachhaltigkeit wird im Allgemeinen meist anhand der Brundtland-Definition von 1987 definiert. Demnach beinhaltet Nachhaltigkeit einen Generationenvertrag, der künftigen Generationen ermöglicht, ihre Bedürfnisse mindestens so zu befriedigen wie aktuelle Generationen.

Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Arbeit

Wie hängt nun die soziotechnische Transformation unserer Gesellschaft mit Nachhaltigkeit und Arbeit zusammen? Wir befinden uns – streitbar – in der vierten industriellen Revolution. Nun wäre das die erste industrielle Revolution, die bereits im Vorfeld ausgerufen werden würde. Und wenn man die vorangegangenen Revolutionen betrachtet – also die Mechanisierung, die Elektrifizierung und die Automatisierung – so haben diese grundsätzlich eine große Menge an Arbeitskraft freigesetzt.

Auch im aktuellen Fall wird viel darüber spekuliert, inwieweit die sozio-technische Transformation viele Arbeitsplätze kosten wird. Je nachdem, welche Studie man zu Rate zieht, gehen die Schätzungen des Wegfalls jeden zweiten Jobs bis 2050 bis hin zu ca. 10.000 Arbeitsplätzen in Deutschland, die nicht kompensiert werden können bis ins Jahr 2030. „Nicht kompensiert“ bedeutet hier: Es wird insgesamt eine Umschichtung von Arbeitskräften geben, deren Arbeitsfeld wegfällt, aber gleichzeitig neue Arbeitsplätze in bisher nicht existenten Arbeitsbereichen entstehen. Daher habe ich vorhin den Begriff der ‚Freisetzung von Arbeitskraft‘ verwendet. Man sollte sich also den Arbeitsmarkt nicht als großen Kuchen vorstellen, bei der digitale PacMan ein großes Stück herausbeißt und diese Lücke für immer starr bestehen wird. Vielmehr ist der Arbeitsmarkt eine stetig fluktuierende, sich wandelnde Menge an vielen Teilchen. Und auf diesen haben gesellschaftliche Wandlungsprozesse, aktuell eben u.a. de Digitalisierung, einen deutlichen Einfluss. Wie sich dieser Einfluss mittel- und langfristig auswirken wird, ist aber unklar. Momentan entstehen eher viele Jobs in neuen Feldern, wenn es bspw. um die Planung und Organisation des Digitalisierungsprozess in Unternehmen geht.


Photo by rawpixel on Unsplash

Aber wie sieht das mit der Nachhaltigkeit bei neuen Berufsfeldern im Bereich der Digitalisierung aus? Ich habe anfangs nur ein paar der vielen Nachhaltigkeitsdefizite erwähnt, die durch die Digitalisierung entstehen, die normalerweise im öffentlichen, politischen und ökonomischen Diskurs nicht beachtet werden. Häufig besteht die Annahme, dass Digitalisierung automatisch Nachhaltigkeit mit sich bringt durch Dematerialisierung oder den vielbeschriebenen Effizienzgewinn. Dass Effizienz in der Regel aber keineswegs zu einer Einsparung von Netto-Energie führt sondern häufig das Gegenteil erzeugt, ist ein vielbeschriebenes und altes Phänomen – es nennt sich Rebound-Effekt, Backfire oder Jevons Paradox.

Beispiele für nachhaltige Arbeitsfelder im Rahmen der Digitalisierung

Nachhaltigkeit besteht folglich eben nicht nur aus Effizienz, also Einsparungsmaßnahmen, sondern auch aus Konsistenz – bspw. Recycling – und der Suffizienz, der grundsätzlichen Reduzierung von Konsum und Ressourcenverbrauch, sei es nun Energie oder Rohstoffe. Suffizienz ist der Faktor, mit dem Nachhaltigkeit steht und fällt – und das gilt auch für die Digitalisierung. Auf Jobs der Zukunft bezogen bedeutet das: Jobs sind nachhaltig, wenn sie sich in einem Feld bewegen, der sich diesen Zusammenhang, nämlich Nachhaltigkeit durch Digitalisierung zur Aufgabe macht. Eine Digitalisierung ohne Nachhaltigkeit schaufelt unserer Erde aufgrund der massiven Disruptionskraft und Reichweite des Prozesses ein noch früheres Grab. Nur drei Beispiele, bei denen Digitalisierung intelligent eingesetzt werden kann und dabei ein deutlich höheres Maß an Nachhaltigkeit erzeugen sind, sind:

  • im Energiesektor zur dezentralen Speicherung und Verteilung von Energie aus erneuerbaren Quellen oder
  • im Rahmen der Kreislaufwirtschaft – auch hier kann die Digitalisierung den Einsatz wiederverwendbarer Materialien deutlich steigern –  
  • oder für intermodale Verkehrskonzepte, die die Menge von privaten PKWs reduziert, kann sie nachhaltig wirken und dabei gleichzeitig Jobs erzeugen, die ebenfalls auf Ebene der Nachhaltigkeit wirksam sind.

Photo by RawFilm on Unsplash

Was es dafür braucht ist die Einsicht auf Ebene von Ökonomie und Politik, dass Digitalisierung nicht ohne Nachhaltigkeit gedacht werden kann und darf. Auch bei der Digitalisierung bestehen immer Chancen und Risiken. Das Risiko besteht aus Nachhaltigkeitsdefiziten wie eine Verschlimmerung der Ausbeutung der Länder des globalen Südens oder eine Gleichschaltung der Gesellschaft durch elektronische Vollüberwachung, wie sie in China ab 2020 vollumfänglich eingesetzt werden wird. Es besteht aber auch die Chance für eine grüne Zukunft, in der Digitalisierung nicht als technokratisches Mittel zum Selbstzweck eingesetzt wird, sondern nur an den Stellen tatsächlich Verwendung findet, an denen eine digitale Lösung nachweislich nachhaltig wirkt. Denn Digitalisierung ist nur ein Werkzeug, aber kein Ziel. Ziel ist, unsere Zivilisation davor zu bewahren, sich selbst die Lebensgrundlage zu vernichten. Diesen Fehler haben bereits viele hochkultivierten Zivilisationen vor unserer Globalgesellschaft begangen. Und dieses Ziel mit Unterstützung der Digitalisierung zu verwirklichen, birgt sehr viel Potenzial und damit auch sehr viele Arbeitsplätze.


Photo by rawpixel on Unsplash
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