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Smart oder klug?

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Warum wir ein „Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen in der digitalen Welt“ brauchen

Stephan Rammler

Ich schlage die Zeitung auf. Das Gesicht eines Kindes. Mit den gleichen großen Augen wie mein jüngster Sohn sieht er diesem zum Verwechseln ähnlich. Der unverstellte, klare Blick, ähnliches Alter, Neugierde in den Augen. Das Bild trifft mich im Kern. Als ich die Brille finde und genauer hinsehe, wird erkennbar, dass der Junge in schmutzstarrender Arbeitskleidung einen schweren Sack mit großer Anstrengung irgendwohin trägt. Die Bildunterschrift erklärt die Szene. Der Junge ist Arbeiter in einer Kobaltmine im Kongo. Hier wird das für die Informationswirtschaft so wichtige Coltan abgebaut. Dem Artikel zum Bild kann man entnehmen, dass er wahrscheinlich zehn bis zwölf Stunden an sieben Tagen in der Woche in der Miene arbeitet, dass er unzureichend vor dem Kontakt mit dem giftigen Schwermetall geschützt ist, dass seine Lebenserwartung noch geringer ist als es im Kongo ohnehin schon der Fall ist. Er erinnert mich an andere Bilder, an andere Geschichten, die mir im Zuge unserer Recherche für ein Buch zum Verhältnis von „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ begegnet sind. So hat der Junge zum Beispiel einen ihm unbekannten Bruder in Agbogbloshie in Ghana, einem Vorort der Hauptstadt Accra. Hier landen unsere digitalen Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke der letzten Jahre, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Auch dort sind es Kinder und Jugendliche, die am Ende des digitalen Lebenszyklus unseres dorthin verschobenen Mülls über Feuern in alten Ölfässern und ohne Schutzmaßnahmen die Rohstoffe aus den Smartphones, Laptops und PCs herauslösen. Während dessen vergiften sie sich dabei chronisch an den schädlichen Dämpfen der Kunststoffe und Metalllegierungen. Hier ist die Lebenserwartung noch geringer als im Kongo.

Die beiden Kinder sind zweitausend Kilometer voneinander entfernt und doch verbindet sie ein unsichtbares Band der Ausbeutung und Unterdrückung, der eine am Anfang, der andere am Ende der global verschachtelten Wertschöpfungs- und Entwertungsspirale der digitalen Hochtechnologiebranche. Sie findet unter anderem in Afrika ihren Ursprung und ihr Ende. Und es ist noch ein drittes Kind mit ihnen verbunden. Mein Sohn etwa, der, beispielhaft für Millionen, heute wie selbstverständlich digitale Produkte nutzt. Zwischendurch also, als gewinnender Teil dieses asymmetrischen und ungerechten Wertschöpfungsnetzwerk, profitieren vor allem wir Verbraucher*innen in den reichen nördlichen Industrie- und Konsumgesellschaften von den immer geringeren Kosten, dem Hochglanz, der smarten Konvenienz und dem Fortschritt an Lebensqualität, die mit der Informationstechnologie unbestreitbar verbunden sind. Wir wollen deswegen auch ganz unbedingt daran glauben, dass dieser wunderbare Verblendungszusammenhang der Digitalisierung – „Digitalisiert euch, dann wird alles gut – und sogar noch  besser“! – der Wahrheit entspricht. Doch diese Wahrheit wird von der Wirklichkeit gespoilert, wenn wir nur genau hinschauen.

Die Gesichter der angesprochenen Jungs geben den enormen, aber abstrakten und mitunter schwer sichtbaren strukturellen Asymmetrien der weltwirtschaftlichen Verflechtungen ein Antlitz. Es ist der gigantische natürliche Reichtum Afrikas, der immer noch den Wohlstand in den ressourcenarmen Industrieländern befeuert. Und es ist seine Funktion als gigantische „Senke“, als Abfallhaufen für unseren modernen Müll, die dafür sorgt, dass wir uns hier nicht schon längst am eigenen Erfolg selbst vergiftet haben. Diese schon seit Jahrhunderten andauernde und sich dabei stetig zuspitzende Externalisierung der sozialen, ökologischen und moralischen Kosten unserer Wirtschaftsweise und unseres Wohlstandzuwachses wäre an sich schon ein Politikum, ein Skandal an sich, doch nun kommt mit der Digitalisierung noch ein ganz besonders ausgeprägter, bislang unbekannter Ressourcenhunger und Rationalisierungsfuror auf die Welt, der die bekannten Probleme enorm zuspitzt, neu befeuert und eine große Unsicherheit und Ungewissheit erzeugt.

Technologischer und kultureller Öffnungsprozess ins Ungewisse

Entgegen dem von erschreckend vielen Beiträgen von Vertreter*innen der Politik und Unternehmen zur aktuellen Digitaldebatte vermittelten Eindruck, man wüsste im Grunde ganz genau, wo es lang geht und welche technologiepolitischen Schlussfolgerungen aus dem äußerst dynamischen Digitalisierungstrend zu ziehen wären, möchte ich hier die vollkommen entgegengesetzte Position vertreten. Sie speist sich aus den Forschungsarbeiten für die demnächst vorliegende Studie zum Verhältnis von Digitalisierung und Nachhaltigkeit ebenso wie aus einer mittlerweile langjährigen Beratungstätigkeit zur digitalen Transformation in unterschiedlichen Branchen, schwerpunktmäßig aber in der Mobilitäts- und Energiewirtschaft. Sie lautet: Wir erleben mit der sogenannten Digitalisierung aller Lebensbereiche einen gigantischen ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Öffnungsprozess ins Ungewisse, von dem KEINER im Augenblick sicher sagen kann, wohin die darin sichtbar werdende komplexe und äußerst facettenreiche Überlagerung der vielfältigen Teilentwicklungen, Synergien, Widersprüche und Gefahren der digitalen Transformation unsere Gesellschaft führen wird. „Unsere Gesellschaft“ soll hier verstanden sein als a) Weltgesellschaft heute lebender Menschen in Verantwortung für kommende Generationen und die Zukunft der Zivilisation im Allgemeinen wie b) unsere konkrete deutsche Gesellschaft im Besonderen. Im Gegenteil wissen wir in Wirklichkeit kaum etwas, erwarten sehr viel und befürchten zu wenig. Und mitunter erwarten wir an der einen Stelle zu wenig und befürchten an einer anderen zu viel.

Pfadabhängigkeit und Innovation: Handeln und Entscheiden unter der Bedingung wachsender Zukunftsungewissheit

Der Substanz der Diskurse und der Qualität der Lösungsvorschläge tut diese tatsächliche Unklarheit bei scheinbarer Gewissheit und Entschiedenheit über den richtigen politischen und unternehmerischen Weg nicht gut. Denn gleichzeitig wird natürlich bereits gehandelt, werden Entscheidungen getroffen und politische Strategien entworfen. Es ist ein Handeln und Entscheiden im tiefen Nebel der Ungewissheit und unter der Bedingung zunehmender Beschleunigung aller gesellschaftlichen und ökonomischen Prozesse. Dieses führt im Kern dazu, dass die Entscheidungen für morgen immer wieder aus der Rationalität, den Interessenmustern und der Pfadabhängigkeit der Vergangenheit heraus getroffen werden. Abermals und immer wieder suchen wir die Lösungen im Mehr vom Bekannten, im Schnelleren, im Wachsen, das einem Wuchern gleichkommt. Heute vor allem reagieren wir in dieser Logik des Herkömmlichen auf die Möglichkeiten der digitalen Technologien. Mit der Folge, dass der Zivilisationsbooster der digitalen Exponentialität uns nur noch unnachgiebiger beschleunigt. Der zunächst steinige und dann betonierte und asphaltierte  Pfad in die Moderne wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts zur digital ausgekleideten und gewienerten Zivilisationsrutsche ins immer Ungewissere. Die Richtung bleibt dieselbe fatale. Hinzu kommt die zusätzliche Unsicherheit im Hinblick auf weitere Entwicklungspotentiale einzelner Teilinnovationspfade der digitalen Transformation, wie etwa mit Blick auf die Entwicklung der artifiziellen Intelligenz. Ein Beispiel: Allein mit Blick auf die Einführungsgeschwindigkeit des autonomen Fahrens unterscheiden sich die Erwartungen um viele Jahrzehnte, wobei beispielsweise langjährige Spezialisten in diesem Gebiet eher von einer langen zeitlichen Perspektive ausgehen, während marktnahe Unternehmen wie Start-Ups oder Unternehmen der Autoindustrie oder der großen Technologiefirmen Kaliforniens und Chinas ein ganz anderes Bild zeichnen und die Markteinführung des selbstfahrenden Autos quasi schon morgen erwarten.

Es wird also, metaphorisch formuliert, der neue Wein einer sehr mächtigen neuen Technik in die alten Schläuche der etablierten gesellschaftlichen und ökonomischen Muster und Interessen gegossen. Die Frage, ob und inwiefern mit den neuen Techniken z. B. auch völlig neue und sehr viel nachhaltigere Lebensstile, Raum- und Siedlungsstrukturen und politische Beteiligungsverfahren entstehen könnten, wird zu wenig bis gar nicht gefragt. Gefragt wird auch nicht, ob der neue Wein nicht alsbald so obergärig werden könnte, dass die alten Schläuche ohnehin nicht mehr zu gebrauchen sein werden. So entsteht eine merkwürde Verdrehung im öffentlichen Diskurs, der einerseits immer wieder formuliert, wie grundlegend, transformativ, ja disruptiv der Megatrend der Digitalisierung wirkt und andererseits – statt dann auch tatsächlich wirklich offen und neu zu denken – insinuiert, alles könne so bleiben wie es ist, wenn wir nur genügend schnell und hinreichend in die Technologie investieren und Infrastrukturen ausrollen. Diese mentale Pfadabhängigkeit ist eines der größten Probleme unserer Gegenwartsgesellschaft.

Das Missverständnis über das Verhältnis von Digitalisierung und Nachhaltigkeit

Eine aktuelle Studie für die Robert Bosch Stiftung und den WWF Deutschland, die im Herbst 2018 als Buch (Felix Sühlmann-Faul & Stephan Rammler bei oekom) erscheinen wird, hat in Ansätzen und mit einem gezielt breit ausgerichteten Blickwinkel aufgezeigt, wo, wie und warum die Entwicklung der Digitalisierung äußerst dynamisch ist. Sie konnte viele offene Fragenkomplexe identifizieren und Risiken und Schattenseiten herausarbeiten. Vor allem wurde sehr deutlich, – auch das ist ein enormes Missverständnis im bisherigen Diskurs –, dass Digitalisierung und Nachhaltigkeit nicht wie selbstverständlich komplementär zu unserer modernen Kultur liegen, sondern sich in den meisten Teilbereichen sogar äußerst antagonistisch zueinander verhalten. Hier – in der Abwägung von Risiken und Chancen digitaler Techniken für die nötige Nachhaltigkeitstransformation unserer modernen Gesellschaft – liegen die unmittelbaren Herausforderungen.

Tiefer verborgen liegen technik- und gesellschaftswissenschaftliche, philosophische, politische und ökonomische Fragestellungen nach den Folgen für die Conditio Humana, also der Verfasstheit des menschlichen Wesens und seiner sozialen Aggregate und die Zukunft unserer Zivilisation insgesamt. Zugespitzt anhand einiger Beispiel formuliert:

  • Wir erleben gerade die Neuerfindung der kapitalistischen Marktwirtschaft als Plattform- und Monopolkapitalismus ausgehend von Kalifornien zeitgleich zur Entstehung eines gigantischen Reallabors totalitärer Gesellschaftspraxis auf digitaler Basis in China.
  • Wir erleben gerade, wie Mensch und Technik zunehmend zu transhumanen Hybriden verschmelzen, ganz im Sinne der Gehlenschen Trias der Technikentstehungszwecke der Organentlastung, des Organersatzes und der Organüberbietung. Der medizinisch wie kognitiv digitaltechnisch massiv überformte Mensch erscheint damit am Horizont.
  • Wir erleben gerade, wie Smart Data unser Leben in vielerlei Hinsicht enorm viel bequemer macht und mit neuen Produkten und Services neue Wertschöpfung erzeugt wird und gleichzeitig Bürger*innen wie Konsument*innen immer transparenter werden, ja Transparenz sogar zur explizit wünschenswerten Grundlage sozialer und ökonomischer Praxis deklariert wird.

Wo wird das alles hinführen? Und mit welchen Methoden und mit welchen Perspektiven ausgestattet wäre eine Erforschung der digitalen Lebenswelt der Zukunft möglich? Denn es ist ganz sicher klüger, die positiven wie negativen Folgen einer so mächtigen neuen Technik wenigstens annähernd einschätzen zu können, bevor man beginnt, sie anzuwenden und auszurollen. Genauso bzw. noch sehr viel bedeutsamer als die Frage nach der ökologischen Nachhaltigkeit und ihrer Umsetzung sind womöglich die Fragen nach Reichweite und Grenzen offener demokratischer Gesellschaften, nach dem Entstehen einer völlig neuen Form von Ökonomie zwischen Plattformkapitalismus und Planwirtschaft und schließlich die Neudefinition dessen, was Mensch und Menschlichkeit in der digitalen Zivilisation sein können. Denn diese Fragen berühren die Selbstregulationsfähigkeit moderner Demokratien – gerade auch im Hinblick auf die Nachhaltigkeitstransformation – zutiefst.

Institutionalisierte und gut finanzierte Grundlagenforschung zur Zukunft der digitalen Zivilisation ist erforderlich: Ein „Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen in der digitalen Welt“ könnte die Perspektiven bündeln

Forschungsbemühungen und Veröffentlichungen zu diesen grundlegenden und tiefgehenden Fragestellungen finden sich – abgesehen von einigen Glücksfällen – in der aktuellen Literatur allerdings erschreckend wenig. Weder die Sozialwissenschaften (insbesondere die Techniksoziologie und sozialwissenschaftliche Technikgenese-Forschung), noch Philosophie, Kultur- und Medienwissenschaften, noch Politik und insbesondere die Wirtschaftswissenschaften (sie wären angesichts der Herausentwicklung eines neuen Typus von Markt theoretisch besonders gefordert) liefern im Augenblick mengenmäßig wie qualitativ hinreichende Analysen. Vor allem keine solchen, auf die der gesellschaftliche Diskurs über grundlegende Ziele, Zwecke, Leitbilder und Strategien der digitalen Transformation aufbauen könnte. Hierzu braucht es im Kern Risikoeinschätzungen und Potentialbewertungen, die Bürger*innen, Unternehmen und Politik vor allem auch normative Abwägungen im Vorfeld privater, unternehmerischer oder technologiepolitischer Entscheidungen ermöglichen.

Ähnlich und doch etwas anders war die Situation beispielsweise in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt war beispielsweise ein Institut in Starnberg, welches zur Erforschung genau dieser grundlegenden Fragestellungen in einer Zeit enorm beschleunigter technologischer Innovation in der Bundesrepublik  gegründet worden war und in dieser Phase eine wichtige Rolle spielen konnte. Einer der dringendsten Vorschläge ist vor diesem Hintergrund die Gründung eines unabhängigen transdisziplinären „Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen in der digitalen Welt. Hier soll empirische, theoretische und anwendungsorientierte Grundlagenforschung zu den Folgen, Gestaltungschancen und Entwicklungsperspektiven der digitalen Transformation völlig unabhängig von unternehmerischen Interessen und politischen Mehrheiten über lange Forschungsphasen und Forschungskonjunkturen hinweg organisiert werden.

„Agora digitale Transformation“ – Eine Plattform für den politisch-öffentlichen Diskurs

Gleichzeitig benötigen wir einen Ort, an dem im Spannungsfeld von Wissenschaftskommunikation und politischem Lobbying die wichtigen politischen Diskurse über wahrscheinliche, mögliche und wünschenswerte digitale „Zukünfte“ geführt werden können. In den Bereichen des Energie- und des Mobilitätssektors können die beiden Agoren Energie- und Verkehrswende diese Rolle für sich beispielsweise zunehmend erfolgreich in Anspruch nehmen. Sie gehören auch zu den im Augenblick sehr dynamischen Experimentier- und Anwendungsfeldern digitaler Techniken und Dienste. Insofern werden spezifische Digitalisierungsthemen hier mitbehandelt. Zugleich zeigt sich aber die analytische wie diskursive Einschränkung von teilsystemischen Digitalisierungsperspektiven immer deutlicher. Deswegen schlage ich als weitere Maßnahme die Einrichtung einer „Agora Digitalisierung“ vor. Hier sollen künftig wissenschaftliche Grundlagenfragen und ökonomische wie politische Anwendungsfragen über alle Sektorengrenzen – miteinander verknüpft und populärwissenschaftlich aufbereitet – vor allem dazu dienen, den zivilgesellschaftlich-politischen Diskurs über Wünschbarkeit und Strategien der digitalen Neuerfindung der modernen Gesellschaft zu diskutieren und in die Umsetzung zu bringen.

Smarte oder kluge Zukunft?!

Die zentrale Lehre aus Jared Diamonds epochalem Werk „Kollaps“ ist die, dass Gesellschaften im mannigfaltigen Zivilisationsprozess immer wieder bis an die Grenze zum Untergang und oft genug darüber hinaus am einmal eingeschlagenen Weg festhalten. Kaum eine Angst wiegt schwerer als die Vorstellung, eine Gewohnheit aufgeben, eine Routine zu verändern, eine Macht zu teilen, einen Anspruch oder eine Leidenschaft abzulegen. Danach kommt wohl nur noch die Angst vor dem Tod. Auch wir sind heute schon längst über den Punkt einer nachhaltigen, gleichgewichtigen Entwicklung hinaus. Immer früher im Jahr erreichen wir den Earth Overshoot Day, ab dem der Verbrauch der natürlichen Grundlagen deren natürliche Reproduktionsfähigkeit überschreitet. Gerecht war unsere Gesellschaft ja ohnehin noch nie. Der Unterschied zu früher ist heute allerdings das absolute, das globale Risiko. Frühere Zivilisationen waren in ihrer zeitgeographischen Existenzgrundlage regional beschränkt. Unsere Zivilisation ist eine Weltgesellschaft, ein ökonomisch, kulturell, technologisch und geopolitisch hochgradig integriertes Webwerk, ein soziales Kunstwerk bei allen Schattenseiten. Die Digitalisierung wird diese Entwicklung nur noch weiter und dynamischer vorantreiben. Und entgegen den süßen Versprechen aller in ihren visionären Ambitionen rückwärts geneigten Provinzialisten ist die Globalität heute ­­bis in den letzten Winkel der Erde Realität. Mit anderen Worten: Wenn diese Gesellschaft scheitert, dann scheitert sie global und deswegen womöglich auch total. Mit der Digitalisierung bekommt dieses Problem heute den drängenden Charakter eines Flächenbrandes.

Während die intellektuelle Vertikalspannung vor diesem Hintergrund einerseits nach weiterer Erkenntnis und Orientierung trachtet, erfordert diese Situation andererseits heute vor allem die Wiederentdeckung der Möglichkeit, ja der Notwendigkeit politischen Handelns. Politik, das sind wir. Das haben wir wohl vergessen. Stattdessen überlassen wir unsere Geschicke einer mehr oder minder allein am Status-Quo- Erhalt interessierten Machtfiguration von Politiker*innen ohne besondere Vision, ohne Leidenschaft und oft ohne besondere Fähigkeiten. Eine Gesellschaft kann enorm intelligent sein, extrem smart in ihren technischen und ökonomischen Fähigkeiten und Zwecken. Das schließt aber in keiner Weise aus, dass sie mit Blick auf ihre unmittelbare soziale Gerechtigkeit und langfristige ökonomische, ökologische und politische Zukunftsfestigkeit und Resilienz politisch zugleich unglaublich unklug, ja geradezu dumm agiert. Dieser Zustand liegt heute vor.

Vor unseren Augen und zugleich hinter unserem Rücken verändert die digitale Transformation alles, auch unsere ohnehin schon großen Probleme mit der Nachhaltigkeit. Zu den politischen und unternehmerischen Eliten Deutschlands und Europas ist die Erkenntnis noch immer nicht durchgedrungen, dass eine Gesellschaft, die nicht begriffen hat, dass die „conditio sine qua non“ für jede Art von erfolgreicher ökonomischer Entwicklung in Zukunft die Nachhaltigkeit ist, keine gute Zukunft hat. Das ist heute keine Frage mehr allein der Moral, sondern vor allem anderen der Logik. Denn nach allem, was wir heute wissenschaftlich wissen, ist diese Annahme nicht mehr hinterfragbar, diskutierbar und schon gar nicht relativierbar. Und wo wir noch nicht genug wissen, müssen wir mehr Zeit und Geld investieren. Angesichts der weithin affirmativen Haltung weiter Teile der Wissenschaften, sind es insbesondere die durch diese heuristische Verzerrung vernachlässigten Schattenseiten der digitalen Transformation, die unbedingt weiterer Betrachtungen und Reflexionen bedürfen. Dabei darf es nicht der privat finanzierten Wissenschaft allein überlassen werden, die wichtigen Zukunftsfragen der Digitalisierung zu beforschen. Nur eine finanziell solide ausgestattete Institution – gerne auch als virtuelle Netzwerkorganisation auf der Basis etablierter Forschungseinrichtungen (etwa der Institute der Sozial-ökologischen Forschung (SÖF), die mit leistungsfähiger Kommunikationsinfrastruktur äußerst verkehrsarm vernetzt werden – kann überhaupt die Kraft, Unabhängigkeit und Sichtbarkeit entwickeln, jenseits von unternehmerischen Markt- und staatlichen Kontrollinteressen Technologiebewertungen und technologiepolitische Empfehlungen auf hohem Qualitätsniveau anzubieten.

Migration oder Masterplan

Ich schaue nochmal auf das Bild aus der Zeitung und denke mir, dass ich, wenn ich an seiner Stelle wäre, irgendwann auch alles tun würde, um dieser chancenlosen Zukunft zu entkommen. Ich würde sparen, meine Familie um Geld bitten. Ich würde mich auf den Weg nach Norden machen, große Risiken auf mich nehmen auf dem Weg nach Europa. Wer hätte ein moralisches Recht mich daran zu hindern? Besser noch wäre es aber, wenn ich in meiner Heimat bliebe, bei meiner Familie, dort wo ich mich auskenne. Besser wäre, wenn ich im Kongo genauso wie meine Brüder in Ghana oder in Ägypten dazu beitragen könnte, dass meinem Kontinent Afrika der Aufbruch in eine erfolgreiche Zukunft gelingt. Die vergangenen Migrationswellen aus dem Nahen und mittleren Osten hatten viel mit den Abgründen des westlichen Erdölimperialismus in den vergangenen Jahrzehnten und seinen komplexen Folgen zu tun. In Afrika verlassen Menschen schon heute ihre Heimat, weil der Klimawandel Dürren und Armut mit sich bringt. Jetzt ist es an uns, an die Digitalisierung nicht erneut in genau derselben unklugen Art und Weise wie bislang heranzugehen. Die Folge würde im schlimmsten Fall eine Migrationsdynamik sein, angesichts derer die vergangenen Jahre nur ein kleines Vorspiel waren.

Oder aber wir nutzen die Chancen der Digitalisierung, um auch mit ihrer Hilfe Schritt für Schritt Afrika darin zu unterstützen, irgendwann zu einem aufblühenden, friedlichen und gelingenden Kontinent zu werden, den seine Menschen nicht mehr verlassen wollen. Vorschläge für Auffanglager in Libyen oder Albanien sind da nur populistisches Getöse, dessen intellektuelle Reichweite kaum bis zu den bayrischen Landtagswahlen reichen wird. Vorschläge für einen Masterplan für Afrika, der beispielsweise auf der Basis eines neuen großtechnischen Systems digitaler Kommunikationsinfrastrukturen eine eigenständige ökonomische Entwicklungsperspektive für Afrika aufbaut, würden sehr viel weiter reichen. Afrika hat noch immer gigantische Rohstoffe, es hat unendliche Energieressourcen, wenn es gelänge, eine flächendeckende Ausbeutung von Solarenergie zu ermöglichen. Und es hat den Bonus einer jungen, kraftvollen, aufstrebenden Jugend, die sich Chancen erarbeiten und nutzen will. Die Digitalisierung könnte Afrika helfen bei der Bildung, bei der Emanzipation der Frauen, bei der medizinischen Versorgung, bei der Landwirtschaft, bei der Energieversorgung. Die Digitalisierung könnte der Einstieg in den Aufbruch eines vernachlässigten Kontinents sein. Am Ende würde auch Europa profitieren von Energieexporten aus Afrika, von regenerativ hergestellten Nahrungsmitteln, von der versiegenden Migration und vor allem davon, dass Afrika sich nicht in einem billigen Deal – Infrastrukturen gegen Land – China an den Hals wirft, dessen Interessen in Afrika und sonst wo auf der Welt vielleicht in geschicktere Strategien verpackt sind, aber sich sonst in keiner Weise vom guten alten Ressourcen-Imperialismus europäischer und US-amerikanischer Provenienz unterscheidet.

Wir haben die Wahl. Affirmative Digitalisierungspolitik, wie sie erneut ausgerechnet von den CSU-geführten Häusern unter der Obhut von Minister Scheurer und Staatsministerin Bär betrieben wird, sieht die Zukunft in elitären Geschäftsmodellen automatisiert fliegender Lufttaxis für urbane Eliten in Zeitnot. Das ist wohl schlicht das Ergebnis der besonders in der CSU stark ausgeprägten problematischen Vermischung von Lobbyeinfluss und fehlender Sachkompetenz.

Ein unabhängiges Institut zur Erforschung der digitalen Lebenswelt in ihren kurz-, mittel- und langfristigen Entwicklungen würde im Gegensatz dazu ganz sicher eher auf die Idee kommen, dass wir die Digitalisierung für den Aufbau einer neuen gerechten und nachhaltigen Welt hier und zum Beispiel in Afrika nutzen können. Ja, man könnte sogar auf die Idee kommen, dass wir hier im noch reichen Europa unsere Zukunft allein dadurch sichern können, in Zukunft mit Afrika zu kooperieren. Und hier entsteht nun noch ein ganz neues Bild in meinem Kopf. Es sind die drei Jungs aus der Eingangsszene, sie sind in dreißig Jahren Spezialisten und Fachleute. Sie stecken lachend die Köpfe zusammen. Sie arbeiten Hand in Hand. Als Ingenieure in der solarthermischen Süßwasserproduktion etwa, als Manager der afrikanischen Exportindustrie solarthermisch erzeugten Wasserstoffs in alle Welt, schließlich etwa als Importeur afrikanischer Nahrungsmittel oder gut bezahlter sozialer Dienstleistungen für die rasant alternde deutsche Gesellschaft. Heute braucht Afrika uns. Morgen brauchen wir Afrika. Eine kluge, gerechte und langfristig ausgerichtete Digitalisierungspolitik könnte eine Brücke zwischen den Kontinenten bauen, die stabiler, sicherer und vor allem menschlicher ist als Schlauchboote auf dem Ozean.

Berlin, 13. Juli 2018

 

Prof. Dr. Stephan Rammler, geb. 1968, studierte Politikwissenschaften und Ökonomie in Marburg und Berlin. Promotion am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Seit 2002 Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, 2007 bis 2014 Gründungsdirektor des Instituts für Transportation Design. Rammler ist designierter wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin und wird diese Tätigkeit ab Oktober 2018 übernehmen. Arbeitsschwerpunkte sind die Mobilitäts-, Zukunfts- und Innovationsforschung, Verkehrs-, Energie- und Innovationspolitik, Transformationsdesign und Fragen kultureller Transformation und zukunftsfähiger Umwelt- und Gesellschaftspolitik. Seit 2016 Träger des ZEIT WISSEN Nachhaltigkeitspreises.

Die Studie, auf die im Text Bezug genommen wurde, erscheint im Herbst 2018 im oekom Verlag. Sie basiert auf einem von der Bosch Stiftung und dem WWF e.V. finanzierten explorativen Forschungsprojekt: Sühlmann-Faul, Felix/Rammler, Stephan (2018): Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeitsdefizite der Digitalisierung auf ökologischer, ökonomischer, politischer und sozialer Ebene. Handlungsempfehlungen und Wege für eine Nachhaltigkeit durch Digitalisierung.   

Frei zugänglich bei Research Gate: http://bit.ly/Digi_Nachhalt_RG

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