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Rückblick

CC BY-SA 3.0

(Letztes Kapitel aus Sühlmann-Faul, Felix und Rammler, Stephan 2018: Der blinde Fleck der Digitalisierung, Oekom-Verlag. Erscheint voraussichtlich Mitte September 2018)

Wagen wir zuletzt einen Blick zurück in die Menschheitsgeschichte und betrachten wir frühere Zivilisationen. Die Maya, die ab ca. 3000 v. Chr. auf dem Gebiet des heutigen Südamerika lebten, errangen viele wichtige Erkenntnisse bspw. im Bereich der Mathematik, die bis heute gelten. Ihre Zivilisation wurde komplexer und bildete eine klare gesellschaftliche Hierarchie aus. Auf ihrem Höhepunkt begann die Intensivierung der Landwirtschaft, was zu einem starken Bevölkerungszuwachs aber auch zur Verarmung der Böden führte. Um zusätzlichen Lebensraum zu gewinnen wurden weiträumige Rodungen durchgeführt. Die intensivierte Landwirtschaft verschlimmerte zusammen mit den Rodungen die Auswirkungen einiger langanhaltender Dürreperioden im 9. Jahrhundert. Diese hatte eine deutliche Reduzierung vor allem der ärmeren Bevölkerungsanteile zur Folge.[1] Die Könige und Adeligen sahen diesen Entwicklungen tatenlos zu.[2]

Von der Zeitenwende an gab es auf dem Gebiet der heutigen USA das Volk der Anasazi, die eine ähnliche Geschichte erfuhren. Sie lebten größtenteils vom Ackerbau und bildeten innerhalb von ca. 1100 Jahren eine komplexe, arbeitsteilige Gesellschaftsordnung aus, mit Herrschern und einer Priesterkaste. Auch ihre Bevölkerung wuchs soweit, dass die Tragekapazität ihrer Gebiete überschritten wurde. Eine einsetzende Dürre tat ihr übriges, um auch diese hochentwickelte Kultur zu dezimieren und zu verstreuen.

Nun könnte man noch die Polynesier auf den Osterinseln nennen, die ihren Kollaps durch die Übernutzung ihrer natürlichen Lebensgrundlage bis zur kompletten Entwaldung herbeiführten.[3] Die Gemeinsamkeiten all dieser Beispiel sind wohl deutlich.

Wir begehen den gleichen Fehler wie schon viele Zivilisationen vor uns: Wir haben unsere Daseinsgrundlage auf die Ausbeutung von Ressourcen gegründet. Und wir haben unsere Bevölkerung und unseren Konsum weit über die Ertragskapazität unserer Erde aufgebläht. Auch wir sind mit Veränderungen des Klimas konfrontiert und haben diese sogar selbst herbeigeführt. Sobald Bedingungen schwanken zeigt sich, wie brüchig Zivilisationen sind. Auch wir treffen falsche gesellschaftliche Entscheidungen. Die Maya, Anasazi und Polynesier lebten nur in kleinen Gebieten. Unsere Zivilisation erstreckt sich auf die gesamte Erdoberfläche, so dass unsere Fehlentscheidungen diesmal zur Ausrottung der gesamten Menschheit führen könnten. Wie bei den Maya werden die wirtschaftlichen Eliten an unserem Kurs festhalten, da sie a) an der Erhaltung ihrer Macht interessiert sind und b) durch ihre finanziellen Ressourcen am wenigsten stark von den Auswirkungen der Nachhaltigkeitsdefizite betroffen sein werden. Sie werden jede sinnvolle Veränderung verhindern bis es zu spät ist. Aber die Frage ist, ob die Unfähigkeit von menschlichen Zivilisationen sich darauf gründet, dass ihre Anführer*innen versagen oder ob der Menschheit insgesamt die Bereitschaft zur Anpassung fehlt.

Gemeinfrei

 

Die Digitalisierung steigert die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu einem neuen, bisher unbekannten Grad an Perfektion. Beide – die Digitalisierung und der Kapitalismus – haben Wachstum und Effizienz als gemeinsame Grundlage. Technologische Entwicklung folgt zwar nicht grundsätzlich strikt ökonomischen Interessen, im Bereich der Digitalisierung ist dies aber in hohem Maß der Fall. Darum muss es das Interesse der Politik und der Gesellschaft sein, die Entwicklung der Digitalisierung in die Bahnen der Nachhaltigkeit zu lenken. Wir haben dieselben Probleme wie schon die kollabierten Zivilisationen vor uns. Und auch unsere wirtschaftlichen Eliten werden keinen Kurs Richtung Nachhaltigkeit einschlagen ohne von Politik und Gesellschaft dazu gezwungen zu sein. Die Digitalisierung ist eine neue Epoche, die viele Chancen bietet. Ihre Potenziale zu mehr Nachhaltigkeit gilt es zu nutzen. Und die Menschheit muss die Fähigkeit besitzen, sich um ihr Überleben willens anzupassen.

 

This is no rehearsal

  • Porcupine Tree

[1] Vgl. Roman/Palmer/Brede 2018

[2]  Vgl. Diamond 2005: 223

[3] Vgl. Motesharrei/Rivas/Kalnay 2014 und Diamond 2005

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